Er fährt nur 45 km/h, kommt gerade mal 75 km weit, hat Platz für zwei und außer einer Heizung scheinbar nichts zu bieten. Dennoch bricht der Citroen Ami die Herzen der Hauptstädter, und nicht nur diese. Ein Erfahrungsbericht.

Mobilitäts-Minimalismus ab 7.000 Euro

Wir stehen auf einer Kreuzung. Mitten auf einer Kreuzung. In Berlins Wahnsinn aus Baustellen und Pop-Up-Radwegen ist der Verkehr nahezu zum Erliegen gekommen. Normalerweise würden wir uns jetzt ein Hupkonzert einfangen. Doch nicht mit dem Ami. Der frische Franzose bringt die Autofahrer um uns herum und selbst die Fußgänger, die sich ihren Weg um das blaue Wunder bahnen müssen, zum Lächeln. Man zeigt uns Daumen hoch, und gleichzeitig lassen viele fragende Gesichter den Schluss zu: Der Ami wirkt.

Paradigmenwechsel

Alles begann vor eineinhalb Jahren. Da zeigte Citroen auf dem Genfer Salon die Studie eines Fahrzeugs, das gerade mal 2,50 m lang und gut 1,40 m breit war – den Ami One Concept. Wie so oft konnte man mutmaßen, dass die knuffige Knutschkugel nur ein Konzept war, das bald wieder in den Archiven verschwinden würde. Doch falsch. Seit Juni kann man die Serienversion bereits in Frankreich bestellen, und auch hierzulande soll der Orderprozess noch in diesem Jahr starten, die Auslieferung beginnt dann im ersten Quartal 2021.

Doch erst mal die Fakten. Was hier vor uns steht ist nach rechtlicher Einstufung kein Automobil, sondern ein „Leichtes Vierradmobil für Personenbeförderung L6e-BP“. Klingt Amtsdeutsch und ist es auch. So eine Fuhre darf maximal 425 kg wiegen, maximal 6 kW Leistung haben und zwei Passagiere befördern. Wer nach dieser Definition googelt, stößt auf eine Menge gesichtsloser Miniaturfahrzeuge, die schon rein optisch nahelegen, dass sie für mobilitätseingeschränkte Menschen ohne PKW-Führerschein konzipiert worden sind. So weit die nüchternen Zahlen.

Was aber Citroen rund um den gesetzlichen Rahmen konstruiert hat, ist aber ein echter Hingucker, gewissermaßen die Definition von Lifestyle. Das im wesentlichen blaue Gefährt ist aus nur 250 verschiedenen Teilen zusammengesetzt. Das liegt daran, dass viele Gleichteile verbaut werden. Daher gehen Fahrer- und Beifahrertür in verschiedene Richtungen auf, und die vorderen bzw. hinteren Karosserieteile sind auch identisch. Neumodischer Luxus beschränkt sich auf Lüftung und Heizung.

Navigations- und Entertainmentbedürfnisse stillt das eigene Smartphone, für das es eine passende Halterung neben dem Lenkrad gibt. Für mehr Sound sorgt optional ein Bluetooth-Lautsprecher im Ami-Design; dieser hat seinen Platz in einer Art Cupholder vorne links im Armaturenbrett. Daneben finden sich weitere Ablagen, darunter auch so eine Art herausnehmbares Handschuhfach, wobei dort nur sehr kleine Handschuhe passen dürften. Dafür machen die Ablagen den Eindruck, dass man sie einfach mal lässig im Spülbecken säubern kann.

Auf in den Kampf

Lifestyle ist das eine. Der Transport von Personen von A nach B das andere. Fahrer und Beifahrer(in) passten bei unserem Test entspannt in den Ami, was auch an den leicht versetzten Sitzen – übrigens auch baugleich – liegt. Dadurch kommt man sich mit den Schultern nicht ins Gehege. Direkt hinter den Passagieren ist wenig Platz, eine zusammengefaltete Jacke passt hier aber bequem. Als Stauraum ist neben den geräumigen Netzen in den Türen vor allem der Platz vor den Beifahrerfüßen vorgesehen, was Shoppingtouren zu zweit ein wenig einschränkt. Aber es gibt ja auch schöne Kleinigkeiten. Zieht man alleine los, kann man den Ami ordentlich vollpacken, solange der Blick in die Außenspiegel ungestört bleibt. Einen Innenspiegel gibt es übrigens nicht, hier hilft es, einfach den Kopf zu drehen.

Neue Erfahrung

Ein Dreh am Zündschlüssel, der hier wirklich noch ins Schloss gesteckt werden muss, erweckt den Ami zum Leben, und nach dem Tritt auf die Bremse kann der Fahrer mit den links vom Sitz platzierten Tasten den Fahrmodus D,R oder N auswählen. Gesagt, getan, und nach einem beherzten Tritt auf das Fahrpedal legt der Ami los. Fahrgeräusch, Federungskomfort und Beschleunigung legen zunächst einmal eine Verwandtschaft zu Fahrradrikschas nahe, aber nach wenigen Metern ist man komplett im Ami-Feeling. Die Klappscheiben auf, schließlich ist es noch so eine Art Sommer in Berlin, und dann geht es gut gelüftet durch die Metropole.

Hier, wo gefühlt 30 Prozent der Straßen Baustellen und auch viele der Hauptschlagadern mittlerweile auf 30 km/h eingebremst sind, ist der Ami in seinem Element. Sein charmanter, leicht cartooniger Look hält andere Autofahrer davon ab, verärgert zu hupen. Stattdessen schauen alle gebannt auf die ungewöhnliche Erscheinung.

Mit seinen knapp 1,40 m Breite und vor allem dem Wendekreis von gerade mal 7,20 m passt man nahezu überall durch und ist hier und da versucht, leicht grauzonige Abkürzungen zu nehmen. Doch wir haben es nicht eilig und genießen stattdessen die Blicke der anderen Verkehrsteilnehmer. So lange der Ami noch diesen Exotenstatus hat, wünscht man sich fast getönte Scheiben, um ein wenig Privatsphäre zu haben. Das große Glasdach ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, damit man die aus Ami-Perspektive allesamt hoch hängenden Ampeln sehen kann. Später soll der kleine Citroen als Option eine Verdunkelung bekommen, die man manuell betätigen kann. Auch, um die Sonne auszusperren, denn eine Klimaanlage war weder im Etat vorgesehen noch technisch realisierbar.

45 km/h und 75 km. Reicht das?

Ein bisschen Technik noch. Im Ami steckt eine 5,5 kWh fassende Batterie. Und nein, das Komma ist nicht verrutscht. Das ist ungefähr die Hälfte der Kapazität eines typischen PHEV, aber der Ami wiegt ja auch gerade mal 471 kg mit Batterie. 11,9 kWh soll er auf 100 km verbrauchen. Das passt augenscheinlich erst einmal nicht zur Reichweite, aber in der Stadt kann man ja ordentlich rekuperieren; mehr als 60 Kilometer erscheinen uns auf jeden Fall realistisch, sofern draußen nicht gerade Frost herrscht. Geladen wird er übrigens mit dem fest verbauten Kabel an einer Schuko-Steckdose, was ungefähr drei Stunden dauern soll. Ein Adapter zur Nutzung von Typ-2- Ladesäulen soll optional erhältlich sein, damit man auch im öffentlichen Raum laden kann.

Zurück zur Frage, ob das reicht. Im Prinzip ja. Wer sich ohnehin im Wesentlichen durch die verstopfte Stadt staut, für den sind 45 km/h keine Einschränkung, und bei Fahrten auf der Landstraße muss man ein wenig auf das Verständnis der anderen Verkehrsteilnehmer hoffen. Die Reichweite dürfte den meisten Mobilitätsansprüchen genügen, allzu lange Ausfahrten wird man in diesem Mikromobil ohnehin nicht unternehmen wollen.

Förderung? Nein. Schade eigentlich

Fahren darf man den Ami bereits mit dem Führerschein der Klasse AM, der sonst auch liebevoll Rollerführerschein genannt wird. Den darf man in den meisten Bundesländern ab 16 Jahren erwerben, in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz sogar bereits ab 15. Für diese Zielgruppe (oder die zahlenden Eltern) ist der Ami auch preislich besonders interessant.

Der finale Einstiegspreis in Deutschland steht noch nicht fest, er soll sich aber nicht groß von den 7.000 Euro unterscheiden, die in Frankreich aufgerufen werden. Je nach Anzahlung ergibt das im Konfigurator Leasingraten ab knapp 20 Euro. In den Genuss der gerade so üppigen Elektroförderung kommt der Ami leider nicht, diese ist nur für Autos vorgesehen. In der einen oder anderen Stadt bzw. Gemeinde gibt es aber durchaus individuelle Förderprogramme für solche Fahrzeuge, deswegen lohnt es sich, vorher mal Ausschau zu halten.

Würden wir einen kaufen? Ja

Da bleibt zum Schluss die Frage, ob ein Ami eine praktische Anwendung hat und ob man sich einen anschaffen würde. Wir können das für uns bejahen. Nicht pauschal, aber dennoch gerade im Hinblick auf unseren Alltag im städtischen Umfeld. Es ist gut vorstellbar, dass auch Eltern ihre Kinder angesichts hygienischer Bedenken lieber in einen Ami als in den Bus setzen. Vor allem aber ist diese Form der Mobilität einfach frappierend zeitgemäß. Mit dem kleinen Citroen dürfte man immer einen Parkplatz finden und kann zudem alltäglich Zeichen in der von SUVs verstopften Stadt setzen. Es ist naheliegend, dass auch Sharing-Konzepte für den Ami wie gemacht zu sein scheinen, bleiben wir also gespannt.