Alfen

Permanenterregt, der Begriff beschreibt eigentlich eine technologische Grundlage bei Elektromotoren. Im Porsche Taycan Turbo gilt das aber auch für den Fahrer. Eine Woche mit Elektromobilität vom Feinsten.

Typisch Porsche und typisch gut.
Typisch Porsche und typisch gut.

Weiß steht er da, artgerecht flach und ein typischer Porsche. Die Familienzugehörigkeit ist dem Taycan nicht abzusprechen, auch wenn der erste vollelektrische Sportwagen der Marke unter dem Blech so viel neue Technik verbirgt, dass sich seine fossil betriebenen Geschwister eigentlich sofort ins Deutsche Museum wegschämen müssten. 

Nach den ersten Tests bei Fahrveranstaltungen konnten wir den Porsche Taycan Turbo erstmals ausgiebig fahren. Ein wichtiger Punkt, denn erst im Alltag erkennt man Stärken und Schwächen eines Automobils wirklich. Unsere erste Fahrt führt uns von Stuttgart heim in die Redaktion nach Düsseldorf. Die zu überwindende Distanz? Knapp 400 Kilometer. Das könnte der Taycan Turbo laut seinen Spezifikationen schaffen, aber wer traut schon Herstellerangaben? Wir. Manchmal. Beginnen wir unsere Woche mit dem Taycan mit einer Art Selbstkasteiung – fahren wir langsam. 

„Beginnen wir unsere Woche mit dem Taycan mit einer Art Selbstkasteiung – fahren wir langsam“

Schneller Eindruck

In Stuttgart schnürt der Taycan mit frisch zurückgesetztem Bordcomputer los und wir machen es uns langsam bequem. Viele Displays, eins davon ist eigentlich für den Beifahrer gedacht und zeigt zunächst einmal mur einen schicken Taycan-Schriftzug an, informieren über alles, vom Zustand des Autos bis zu allen Varianten des Infotainments. Hat man seinen Account hinterlegt, dann musiziert der Taycan sogar via Streaming von Apple Music. Uns interessieren eher die Verbrauchswerte. Nachdem wir die Autobahn erreicht haben, verkündet das Display, dass wir bislang im Schnitt mit etwa 26 kWh/100 km unterwegs waren. Das muss doch besser gehen. Mit sanftem Gasfuß und etwa 100 Sachen wird die Zahl langsam kleiner, bis wir unter die 20er-Marke rutschen. Rein rechnerisch reichen jetzt die 95 kWh der Batterie für die Strecke bis nach Düsseldorf, doch uns hat der Ehrgeiz gepackt. Heizung aus, Sitzheizung an und konsequent Windschatten nutzend, lässt der Porsche unser Energiesparerherz immer höher schlagen. Nach etwa 250 km hat sich der Schnitt bei knapp über 18 kWh eingependelt – Respekt. 

„Man kann mit diesem Auto mehr als 400 km mit einer Ladung zurücklegen, aber es macht keinen Spaß“

Der Porsche Tycan Turbo ist ein Auto, dass man unbedingt sportlich fahren will.
Der Porsche Taycan Turbo ist ein Auto, dass man unbedingt sportlich fahren will

Doch das kann nicht der Lebenszweck des Zuffenhausener Elektroboliden sein. Mit der Gewissheit, dass es geht, wenn man nur will und dem Wissen um eine nur 50 km entferne Schnelladesäule von Ionity verlassen wir den motorischen Sparmodus namens „Range“ und wechseln zu „Sport“. Augenblicklich ändert sich das Verhalten des Taycan Turbo, jetzt reicht schon ein leichter Druck aufs Fahrpedal und das weiße Geschoss frisst den Asphalt nur so in sich hinein. Die Beschleunigung will gar nicht enden, selbst jenseits der 200 km/h ist der Geschwindigkeitszuwachs atemberaubend – für den Fahrer aber auch die davor befindlichen Automobile. 

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Und es ist nicht nur die Längsbeschleunigung, die komplette Fahrdynamik des Porsche Taycan Turbo ist phänomenal. Selbst in engen Autobahnkurven fühlt man sich unglaublich sicher, nein man ist es. Kurz müssen wir angesichts eines recht vollen Autobahnstücks zurück auf unsere alte Geschwindigkeit und schon kommen wir uns vor wie in der Boxengasse bei einem Formelrennen. Der Taycan wartet nur auf das Ende des Tempolimits um dann wieder Strom aus dem 800 Volt-Trakt zu saugen, wie ein Verdurstender in der Wüste an der Wasserflasche. 

„Bei 100 auf der Autobahn fühlt man sich gegängelt wie der Formel-Fahrer in der Boxengasse“

800 Volt ist übrigens eines der Stichworte, das Technikkennern den Batteriesaft im Munde zusammenlaufen lässt. Als erstes Serienfahrzeug kann nämlich der Porsche mit dieser Betriebsspannung aufwarten, die dafür sorgt, dass der Strom schneller aus der Batterie zum Motor, bei entsprechender Ladetechnik aber auch von draußen wieder in die Batterie gelangen kann. Die ungezügelte Verfügbarkeit elektrischer Energie ist der eine Faktor für die brachialen Leistungen des Porsche Taycan Turbo, der andere sind Zutaten wie das Zweiganggetriebe – noch so eine Besonderheit in Sachen Technik. Und dann ist da natürlich noch das „Permanenterregte“, nämlich die zwei Motoren an Vorder- und Hinterachse, die All das zusammen verhilft dem Porsche zu Fahrleistungen, die auch am Stammtisch für einen Spitzenplatz reichen. In 3,2 Sekunden ist die 100er-Marke absolviert, die Endgeschwindigkeit liegt bei 260 km/h. Die elektrische Motorleistung von 500 kW rechnet sich in vertraute 680 PS um. Nur der Vollständigkeit halber: Wem das nicht reicht, der kann auch noch einen Taycan Turbo S ordern. Der hat 560 kW (760 PS), braucht bis auf 100 km/h nur noch 2,8 Sekunden und läuft ebenfalls 260 Sachen. Das Mehr an Vergnügen steigert allerdings den ohnehin nicht budgetfreundlichen Einstiegspreis von gut 150.000 Euro auf satte 185.000 Euro, Extras nicht eingeschlossen.

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Das Ionity Joint Venture bietet einige Auflademöglichkeiten in Deutschland.
Das Ionity Joint Venture bietet stetig mehr Auflademöglichkeiten in Deutschland

Ungefähr so lange, wie es gedauert hat, die vorhergehenden Zeilen zu schreiben, hat der Taycan bei voller Bespaßung gebraucht, um seine Energievorräte weitestgehend aufzuzehren. Also ist der Exkurs an eine Ladestation angesagt, in diesem Fall einen der Schnellader von Ionity. Das Joint Venture von BMW, Ford, Mercedes, VW, Audi und Porsche hat mittlerweile schon ein ganz respektables Netz von Ladestationen aufgebaut, die die Reise durch Deutschland zwar nicht komplett planungsfrei, aber dennoch kommod ermöglichen. Unser Lade-Exkurs führt uns nach Bad Honnef, wo sich die 4 Säulen am Rande eines Autohofes verstecken. Vermutlich wegen diverser Autofahrer, die des Lesens von Schildern nicht mächtig waren, sind die Ladeplätze jetzt mit dicken Betonpollern abgegrenzt, sodass sich niemand aus Versehen dorthin verirrt. Während die Verbrenner ein paar Schritte entfernt bequem überdacht an der Tankstelle befüllt werden können, steht man als Fahrer des mutmaßlich modernsten Elektroauto im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich im Regen, denn Petrus ist uns in diesem Moment nicht wohlgesonnen. Und so wird das Paarungsritual zwischen Auto, Säule und aktuell noch unvermeidlichem Identifikationsmerkmal zum feuchtfröhlichen Geduldsspiel.

„Bei schlechtem Wetter wird das Paarungsritual zwischen Auto, Säule und aktuell noch unvermeidlichem Identifikationsmerkmal zum feuchtfröhlichen Geduldsspiel“
 

Schnelles Vergnügen

Genug Strom gegeben, es gibt ja auch hinreichend Phasen im Leben eines Automobils, in denen keine Höchstleistung verlangt wird. Dann zählen die inneren Werte und auch die können sich im Taycan sehen lassen. Natürlich ist alles so verarbeitet, wie man das von einem Porsche erwartet. Vor allem aber ist alles so gestaltet, wie es sich für den Porsche der Zukunft gehört. Das zweite Display im Armaturenbrett hatten wir schon erwähnt. Hier kann sich der Beifahrer verlustieren, wer allein unterwegs ist, blendet sich dort eben weniger relevante Informationen ein. Dazu kommt der vielfältig konfigurierbare Tacho, der ganz nach Gusto mehr oder weniger Informationen anzeigt. Selbst zur Bedienung von Heizung und Klima wurde ein Touchscreen verbaut – so mag es der Hightech-Fan. 

Luxuriöses Interieur mit genügend Hightech für ein EV
Luxuriöses Interieur mit genügend Hightech für ein EV

Ansonsten ist alle Porsche wie gewohnt. Anfassqualität, Optik und generell das Innenraumkonzept lassen keine Zweifel aufkommen. Wer in die Tiefen der Konfigurationsmöglichkeiten vordringen möchte, tut dies wohlweislich im Stand und mit ein bisschen Zeit zum Anlernen. Genial: Das in x Variationen einstellbare Display beim Rangieren. Ob Draufsicht, Blick zu den Seiten oder aus der Vogelperspektive hinten aufs eigene Auto – der Taycan hat es drauf. Es ist ein bisschen wie Grand Theft Auto im realen Leben statt auf der Konsole.

State of the Art?

Ist der Taycan nun die Ultima Ratio in Sachen Elektromobilität? Ja, sofern Sie einen Sportwagen wollen. Einen echten, der nicht nur geradeaus fahren kann. Nein, wenn Sie auch den Faktor Vernunft einrechnen, denn in den Taycan passt weder eine Waschmaschine noch das Urlaubsgepäck für die Familie. Aber Fakt ist, mit dem Taycan hat Porsche das aktuell faszinierendste Elektroauto auf die Räder gestellt, das man sich für viel Geld kaufen kann. 

Im Porsche Taycan Turbo alles im Blick dank eines übersichtlichen Amaturenbretts